„Wir gingen bei Kailua (sprich Ki-lu-ah) an Land, einer kleinen Ansammlung von Grashütten, die unter hohen Kokospalmen schlummerten – es war der schläfrigste, stillste, sonntägliche Ort, den man sich vorstellen kann. Ihr Lebensmüden, die ihr der Arbeit und Sorgen und der verderblichen Unrast der großen, weiten Welt überdrüssig seid und euch nach einem Land sehnt, wo ihr eure matten Hände falten und euer Leben friedlich verschlafen könnt, packt eure Reisetaschen und eilt nach Kailua! Eine Woche dort dürfte selbst den Betrübtesten unter euch heilen.“

Post aus Hawai'i

Das ist nicht von mir – NEIN – aus dem Jahr 1866 – und noch eine weitere kleine Kostprobe:

„Der Ritt von Kailua nach Kealakekua Bay ist ein empfehlenswerter Ausflug. Er führt über ein Hochplateau – ungefähr tausend Fuß über dem Meeresspiegel – und für gewöhnlich rund eine Meile vom Ozean entfernt, der stets in Sichtweite liegt, es sei denn, man durchquert gerade den Wald und reitet inmitten einer tropisch wuchernden Vegetation und dicht wachsenden Bäumen, deren dicke Äste den Weg überragen und Sonne, Meer und alles abschirmen, solange man sich in einem dämmrigen, schattigen Tunnel befindet, der von unsichtbaren Singvögeln heimgesucht wird und vom Duft der Blumen parfümiert ist… Angenehm war es, hin und wieder das brennende Sonnenlicht zu verlassen und in die kühlen, grünen Tiefen dieses Waldes einzudringen und, angeregt durch sein brütendes Zwielicht und sein flüsterndes Laub, in sentimentalen Gedanken zu schwelgen.“

Mark Twain hat seine Erlebnisse auf Hawaii in Tagebuchform zu Papier gebracht. Eine schöne Lektüre, die ich mitgenommen und völlig vergessen hatte. Natürlich hat sich vieles verändert – die Verschlafenheit von Kailua-Kona ist passé, dafür ist sie nach Captain Cook und Honaunau einfach ein bisschen südlicher gezogen. Hier zum Beispiel auf der Paliuli-Farm pfeifen ab 21 Uhr nur noch Vögel oder piepen Frösche (hier sprechen sie eine andere Sprache – sie quaken nicht!). Und auch tagsüber ist es eine friedvolle Idylle, die alle, die hierher kommen, dankbar annehmen.

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Dennoch ist es sehr verwunderlich, wieviele Parallelen es damals zur heutigen Zeit gibt. Wie Mark Twain über Journalisten schreibt oder über Menschen in Machtpositionen, die ihren Möglichkeiten nicht gerecht werden – das klingt heute doch sehr ähnlich. Es war wohl schon immer so und viel hat die Menschheit in den letzten Jahrhunderten dann anscheinend nicht gelernt.

„Wahrlich, welche Kühnheit: ein schwacher, unerfahrener Mann gegen eine Schar hartgesottener Veteranen; unter ihnen große Männer – Männer, die auch an bedeutenderen Schauplätzen … Größe beweisen würden.“ (Mit dieser Einschätzung hatte er sich allerdings geirrt, wie die Geschichte bewies!).

Und was mich auch verwunderte: Es gibt einige Worte, die aus dem Hawaiianischen kommen – Worte, die wir in Deutschland, am anderen Ende der Welt benutzen: „Kanake“, dieses Schimpfwort für Fremdlinge stammt von dem hawaiianischen Wort kanaka , mit dem die polynesischen Ureinwohner tituliert wurden. Eigentlich heißt es übersetzt: MENSCH. Oder das Wort „Tabu“. Auch dieses Wort stammt aus dem Polynesischen Sprachraum, abgeleitet von tapu, „nicht erlaubt“, weil heilig.

Die Farm ist ganz in der Nähe dieser wunderschönen Kealakekua-Bay, ich habe fast 2 Monate gebraucht, um dieses Wort fehlerfrei auszusprechen. Aus Twains Tagebuch habe ich nun erfahren, dass das Wort übersetzt „Pfad der Götter“ heißt. Denn trotz der aufgeklärten, christlichen Erziehung glauben die Hawaiianer, dass der „Große Gott Lono, der einst auf dem Abhang lebte, über diesen Fußweg reist, wenn ihn dringende Geschäfte in himmlischen Angelegenheiten hinunter an die Küste riefen.“ Heute ist diese Bucht vor allem deshalb beliebt, weil sich hier morgens sehr oft die Delfine tümmeln.

Meine Zeit auf der Coffee-Farm neigt sich dem Ende – mit einem weinenden Auge verlasse ich Big Island, um am Donnerstag auf Kauai, der ältesten der Hawaiianischen Inseln zu landen. Eine Insel ohne Vulkan, mit viel Grün, da die regenreichste… Ich bin gespannt, was mich dort erwartet.

Ich werde berichten und schicke ein paar Sonnenstrahlen ins kalte Germany. Aloha, eure Denara