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L i c h t b l i t z e

Schlagwort: Theater

„DEAD OR ALIVE“

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„tot oder lebend“ – so heißt eine Veranstaltungsreihe des Badischen Staatstheaters Karlsruhe, in der drei herausragende Slampoeten in einem „Wettstreit“ gegen tote Dichter antreten, dargestellt von drei Schauspielern des Theaters. Einige Male schon erlebte ich eindrucksvolle Darbietungen und jedes Mal war es ein Highlight, das ich jedem, der in der Nähe wohnt, wärmstens empfehlen kann. Mich begeistert vor allem das proppenvolle, lange im voraus ausverkaufte Theater mit  Menschen aller Altersgruppen (natürlich überwiegend junge!) und weil Literatur so auf eine ganz andere Weise dargestellt und ins Bewusstsein gerückt wird. Meist gibt es auch viel zu lachen.

Letzten Mittwoch wurden mit diesem ganz besonderen Poetry-Slam  die vierten Literaturtage in Karlsruhe eröffnet – ich konnte es kaum glauben, sogar das Große Haus war fast ausverkauft (normalerweise findet diese Veranstaltung im Kleinen Haus statt). Jeder Poet hat 7 Minuten Zeit für seinen Beitrag und die Jury kommt aus dem Publikum. Die Moderatoren, die mit viel Witz und Esprit durchs Programm führen, sind in der Regel auch Slammer und heizen die Stimmung an – das hat schon was, in diesen heiligen Hallen! Dieses Mal war ich ganz erstaunt, dass Victor von Scheffel so schräge und Bertolt Brecht so sexistische, oder wie die BNN schreibt „schwarzhumorige“ Gedichte geschrieben hat. Das war mir neu. Auch kannte ich die gedankenvollen und traurigen Gedichte der jungen Jüdin Selma Meerbaum nicht, die im KZ mit 18 Jahren starb. So gibt es immer auch noch was zu lernen.

Angesteckt durch die Slammer, slamme ich heute auch mal, nur kurz – keine 7 Minuten …

So ist es eben, das Leben!
Menschenmassen, die so viel verpassen -
doch irgendwann, wird jedem ganz klar,
was unecht ist und was wahr!
Jeder hat seine Zeit,
ist irgendwann bereit,
den Sinn zu erkennen und zu brennen
für den Frieden tief  drinnen und draußen.
Doch vorher meint jeder, besser zu wissen,
was gut für die Welt -
letztendlich entscheidet das Geld.
Doch niemals vergesst
bei all dem Rennen in Hemd und Gamaschen -
Das letzte Hemd hat keine Taschen.

In diesem Sinne, eine gute Woche, am besten nur das machen, was Spaß und Sinn macht. Von Herzen, eure Denara

Bild von Philippe de Champaigne

Tristan und Isolde – ein Opernbesuch

Der Frühling lässt noch etwas auf sich warten. Um mich wieder heimisch zu fühlen, freue ich mich über die vielen wunderbaren kulturellen Angebote, die es hier in unserer Stadt gibt. Als Theaterfreundin des Badischen Staatstheaters Karlsruhe wollte ich am Sonntag nachmittag eintauchen in die Welt Richard Wagners.  Eine Freundin war begeistert, die Kritiken überschlugen sich und so ließ ich mich auf dieses fünfstündige „Wagnis“ ein.

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Zur Vorbereitung lieh ich mir den „kleinen Wagnerianer“ und, wie ich mir schon dachte, sei das „Wagner’sche“ Musikdrama als Herausforderung zu sehen. Ich erfuhr, dass das Werk einen Wendepunkt der abendländischen Musikgeschichte setzte –  Musikkenner wissen um den berühmt gewordenen „Tristan-Akkord“. Die Handlung ist fast ohne Handlung – es geht um eine Dreiecksgeschichte, die übrigens der damaligen Lebenssituation des Herrn Wagner ziemlich genau entsprach. Er war verliebt in die Gattin seines Mäzens und als die Oper fünf Jahre später zur Aufführung kam, steckte er in der nächsten fatalen Affäre mit der Ehefrau des Dirigenten der Uraufführung, Cosima von Bülow.

Ich liebe die Atmosphäre im Theater, war jedoch anfangs irritiert, als ein älterer Herr vor mir in der 1. Reihe sein Jacket auszog und dann in den Hosenträgern direkt vor mir saß. Seine Jacke lag  5 Stunden lang über der Brüstung zum Theatergraben. Links neben mir saß ein Mann mit langem weißen Rauschebart und schrie bei jeder sich bietenden Gelegenheit laut „Bravo, bravo“, dass mir die Ohren dröhnten. Rechts saß ein junges Mädchen, das wohl zum ersten Mal mit ihrem Freund, bestimmt ein Musikstudent, in der Oper war. Er hielt ihre Hände, wahrscheinlich um sie zu beruhigen. Immer wieder flüsterte sie ihm ins Ohr, kicherte dann und die letzte halbe Stunde zappelte sie nur noch und schaute jede Minute auf die Uhr.

Die Musik von Wagner ist unglaublich, und die Leistungen der Musiker/innen und Sänger/innen  phänomenal.  Der erste Akt war ein Hochgenuss: das Bühnenbild, die einfühlsame, dramatische Musik und die großartige Stimmleistung der Akteure. Vielleicht war ich angesteckt durch die junge Dame neben mir, die, wie ich, die Liebesdramatik dieses Paares nicht so ganz nachvollziehen konnte.

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Bilder von der Seite des Badischen Staatstheaters Karlsruhe

So fühlte ich in mir auch eine innere Belustigung, die sich im zweiten Akt noch steigerte, als Tristan und Isolde im Schlafanzug auftraten und die Dramatik mehr und mehr zunahm.

Im dritten Akt eskalierte die Leidenschaft derart, dass ich an meine Schmerzgrenze kam. Tristan war verletzt und fern von Isolde (er war selbst dafür verantwortlich), getröstet vom Freund und jammert und jammert zum Herzerweichen. Am Schluss nimmt er sich das Leben, weil er diese Liebessehnsucht nicht aushält.

Laut dem kleinen Wagnerianer ist diese Oper „eigentlich gar keine Liebesgeschichte, sondern eine endlose Reflexion über die Wechselbeziehung von Liebe und Tod (zur Erklärung: Obwohl dauernd vom Einswerden und Verschmelzen die Rede ist, wird immer wieder der gemeinsame Liebestod beschworen), eine Reise ins Unbewusste und ein stundenlanges Umkreisen von ekstatischen Auflösungsphantasien.“

Das Publikum tobte – der Rauschebart neben mir überschlug sich mit Bravo-Rufen und als er aufstand, um mit Standing Ovations seinem Rauschzustand Ausdruck zu verleihen, schlüpfte ich hinaus.                   Geschafft!

Im Auto schaltete ich das Radio auf volle Lautstärke. Ist es nicht herrlich, welch‘ große Vielfalt wir Menschen heute in der Musik haben. Ich bin mal wieder sehr dankbar! Und ich freue mich auf mein nächstes Theatererlebnis. Alles Liebe, eure Denara

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